ABOUT ME

Am Dienstag, den 16.03.2021 war ich bei Radio Dreyeckland zum Interview eingeladen. Hört gerne mal rein: “Als Künstlerin ist es nicht ungewöhnlich, am Rande der Armutsgrenze zu leben” | Radio Dreyeckland (rdl.de)
Am Samstag, den 13.3.2021 durfte ich während der Kundgebung von Kulturgesichter0761 eine Rede halten zur Situation von uns als freischaffenden Künstler*innen während der Corona Pandemie.
An diesem Tag vor genau  1 Jahr wurden Clubs geschlossen, Konzerte und Theatervorstellungen abgesagt, oder verschoben, um letztlich dann doch abgesagt zu werden.
Einige von euch haben mich gebeten, meine Rede online zustellen.
An dieser Stelle Dank an

Alex Käptn Hässler und Kulturgesichter0761 und alle freiwilligen Helfer*innen für das Organisieren der Kundgebung und der Aktion!
Und an Alexandre Goebel Fotopage / Alexandre Goebel fürs Foto und alles!
Hier ist meine Rede zum nachlesen:

„Lieber Bürgermeister Herr von Kirchbach, liebe Vertreter*innen der Stadt Freiburg , liebe Kultur- und Kunstschaffende, liebe Anwesende!

Mein Name ist Natalia Herrera, ich bin freischaffende Schauspielerin und ich stehe hier stellvertretend für die sogenannten Solo-Selbständigen Künstler*innen der Branche.

„Das hat etwas mit Würde zu tun.“

Das waren die Worte von Markus Söder bei der Pressekonferenz am 10. Februar 2021 nach der Bund-Länder-Beratung.
Es ging um die Lockerungen und die von allen so dringlich herbeigesehnten Öffnungen.

Die Öffnung der Friseure habe also für „einige auch etwas mit Würde zu tun“.

Ich gönne den Friseuren natürlich, dass sie wieder arbeiten dürfen und viele von uns von ihrem neandertalischem Höhlenmenschen Look befreien.
Trotzdem: das war für mich der Punkt in dieser ganzen Zeit der Pandemie, an dem ich wirklich nicht mehr wusste, ob ich lachen oder weinen oder mir einfach meine Neandertaler- Haare raufen sollte, ob der völligen VER-RÜCKTHEIT der aktuellen Realität.

Nicht mehr arbeiten zu können, nicht mehr arbeiten zu DÜRFEN, ist seit einem Jahr die mittlerweile ganz normale Realität für unzählige freischaffende Künstler*innen.

Und das macht etwas mit unserer Würde!

In der Kunst- und Kulturwelt tätig zu sein, ist arbeits- und zeitintensiv. Es kostet Blut, Schweiß, Tränen und bringt meist nicht wahnsinnig viel Geld. Aber Freude, Inspiration, Begegnung mit neuen Dingen, Abenteuer, Schönheit, Freiheit, Leben, Freundschaft und so vieles mehr.

Und es gibt uns Würde! Die Würde, die Menschen zu sein, die wir sein wollen, die Dinge zu tun, die uns bewegen, uns emotional berühren und auch zum dem machen, wer wir sind. Unsere Arbeit ist ein wesentlicher Bestandteil unserer Identität. Einige wenige von uns hatten das große Glück während des letzten Sommers noch Open-Air arbeiten zu können. Aber die Mehrzahl unter uns war in einem Dauerzustand von Planungslosigkeit, Unsicherheit und unfreiwilliger Arbeitslosigkeit gefangen.

Dieses letzte Jahr war anstrengend und zermürbend. Und es hat auf brutale Art und Weise viele Missstände in unserer heutigen Gesellschaft aufgezeigt. Die Versäumnisse in der Bildungspolitik, dem Gesundheitswesen, der Digitalisierung, der sozialen Gerechtigkeit, der Rollenverteilung zwischen Mann und Frau und und und ….

Es wurde oft betont, dass dieses Virus vor niemanden Halt macht, es uns alle gleich macht, denn es treffe uns ja alle gleich. Aber das stimmt so nicht. Die Pandemie hat die Missstände, die schon vorher da waren nicht nur sichtbarer gemacht, es hat sie noch vergrößert.

Die schon vor der Pandemie oftmals prekären Lebenssituationen der freischaffenden Künstler*innen haben sich noch weiter verschlechtert. Und es hat gezeigt, dass die wahrhaftige Wertschätzung von Kunst und Kultur in dieser Gesellschaft leider oftmals nicht über politische Lippenbekenntnisse hinausgeht. Auch das ist symptomatisch für dieses kränkelnde System und ist eine bittere Erkenntnis. Und auch das macht etwas mit unserer Würde!

Die Not hat aber auch gute Dinge zum Vorschein gebracht:  Solidarität zwischen den Künstler*innen, Projekte, die mit vielen Mühen, ausgefeilten Hygienekonzepten und allen Unsicherheiten zum Trotz auf die Bühnen gebracht wurden. Neue Ideen entstanden, hybride Theaterformen wie Live-Streams oder Audioformate wurden ausprobiert, alternative Orte ob analog oder digital gefunden. Die Künstler*innen haben bewiesen, dass sie nicht verharren, sondern kreativ und lebendig bleiben.

Vor allem hat diese Krise aber dazu geführt, dass wir endlich begonnen haben uns zu organisieren! Gemeinsam haben wir angefangen auf unsere Situation aufmerksam zu machen und dafür zu kämpfen sie gemeinsam zu verbessern. Unzählige Petitionen, Demonstrationen und Kundgebungen, Kulturinitiativen und Aufrufe von prominenten Künstler*innen bei der Politik haben dazu geführt, dass es bei den Corona-Hilfen zu Nachbesserungen kam, damit diese Hilfen auch tatsächlich überhaupt bei uns ankommen können!

Dieses gemeinsame, organisierte und solidarische Miteinander sollten wir uns beibehalten und es mitnehmen in die Zeit „danach“—-wie auch immer diese aussehen wird.

Denn wir alle, die wir in der Kunst- und Kulturwelt tätig sind schaffen für die Gesellschaft einen  Mehrwert, der weit über eine rein wirtschaftliche Bedeutung hinaus geht: wir ernähren die Seelen der Menschen! Kunst und Kultur sind mehr als nur systemrelevant, sie sind lebensrelevant!

Und deshalb: Bleibt untereinander solidarisch! Organisiert euch weiterhin! Bleibt kreativ! Und bleibt kämpferisch, kritisch und laut! Danke für eure Aufmerksamkeit!

Über mich :

Geboren in Freiburg i.Br., absolvierte ich 2005 meine Schauspielausbildung an der staatlich anerkannten Transform Schauspielschule in Berlin.

Seitdem bin an zahlreichen Theatern im deutschsprachigen Raum als freischaffende Schauspielerin, Sängerin, Sprecherin und Moderatorin, u.a. in Berlin, Hamburg, Salzburg, Schwetzingen tätig; seit 2012 wieder verstärkt in Freiburg.

2010 begann ich nebenberuflich ein Studium des Kultur- und Medienmanagements an der Hochschule für Musik und Theater in Hamburg, welches ich 2015 mit dem Bachelor of Arts abschloss.

Januar 2019 gründete ich zusammen mit meinem Kollegen Dirk Schröter das Theaterensemble „Neues Schauspiel Freiburg“, um eigene freie Theater-Projekte zu realisieren. Grundgedanke des Ensembles ist es dabei gezielt mit Studierenden und Absolventen der Freiburger Schauspielschule im E-Werk zusammenzuarbeiten. Unsere erste Produktion „Olgas Raum“ von Dea Loher mit mir in der Hauptrolle fand viel positive Resonanz bei Publikum und Presse.